BLOG 007
EIN FACEBOOK-FREUND
10.12.2017
BLOG 006
WAS IST COOL?
03.12.2017
BLOG 005
SILBERFISCHCHEN VOL.2
26.11.2017
BLOG 004
MODISCHES FÜR MÄNNER
19.11.2017
BLOG 003
WAS WAR ZUERST DA?
12.11.2017
BLOG 002
DAS SILBERFISCHCHEN
06.11.2017
BLOG 001
INTRODUKTION
30.10.2017

007    EIN FACEBOOK-FREUND

Meine liebe Freundin Pia hat eine ganze Reihe, oder sagen wir, mehrere Reihen von Freunden auf Facebook. Darunter ist tatsächlich auch ein Herr Nicolai Kinski. Das ist der schauspielernde Sohn seines berühmten Kinski-Vaters. Der Sohn vom längst dahingegangenen Klaus. Ich habe keine Ahnung, wie Pia zu dem kommt, aber liebe Freunde hat man ja schnell auf Facebook.

Diesbezüglich ist in diesem ebenfalls dahingegangenen Herbst 2017 etwas Extremes passiert – das muss ich unbedingt erzählen.

An einem trauriggrauen, späten Oktobersamstagnachmittag klingelte die Haustürglocke. Da vor meiner Wohnung im Parterre direkt ein Hinterhof anschließt, kann ich durch das große Fenster gut sehen, wer mich besuchen kommt. Eine mir fremde Person in dunklem langem Mantel und mit Hut näherte sich. Langsam und tief gebückt, weil sie an einem dicken Seil etwas Großes, Schweres, Schwarzes hinter sich herzog. Als der Mann nur noch drei Meter entfernt war, sah ich mit Entsetzen, dass es ein Sarg war! Man weiß ja, wie Särge aussehen. Dieser war ein besonders opulentes Exemplar. Mit einem scheußlichen kratzenden Geräusch zog der Herr das Monstrum über das Hinterhofpflaster, es hinterließ krasse Schleifspuren, als wäre es mit Blei gefüllt. Sofort dachte ich daran, dass das sicher ein unangenehmes Streitthema der Hausbesitzergemeinschaft beim Hausverwalter Mikorey werden würde.

Ich trat vor die Türe. Der Mann blieb stehen, lüpfte seinen Hut. Ein bleiches, verschwitztes, aber sehr schönes Gesicht starrte mich an. »Ist Pia da?«

Ich: »Pia kommt erst in einer Stunde. Weiß sie von Ihrem Besuch? Möchten Sie auf sie warten?«
Der Mann: »Kann ich ein Glas Wasser bekommen? Ich bin völlig ausgetrocknet. Kann ich den hier stehen lassen?«
Er deutete auf den Sarg und ich dachte mir, ist ja schön, dass er ihn nicht auch noch auf meinem Parkettboden herumschleifen will.
»Klar, kein Problem.«
Er gab mir seine wundgescheuerte rechte Hand zum Gruße. »Kinski. Ich kenne Pia von Facebook.«

Als wir am Küchentisch saßen und er viel Wasser trank, war ich schon ziemlich neugierig. »Darf ich fragen, was sie in der Kiste dabei haben? Ehrlich gesagt musste ich bei Ihrem Anblick an den berühmten Django-Film mit Franco Nero denken. Der zieht doch einen Sarg durch den tiefen Schlamm.«
Kinski: »Ja, im Schlamm wäre er leichter zu ziehen, aber so auf dem harten Asphalt ist es schon eine große Mühe. Aber keine Angst, ich habe kein Maschinengewehr drin.«
Er fing an zu kichern. »Kann ich ihre Toilette benutzen?«
Ich deutete auf die Türe und er verschwand kichernd ins Klo. Ich dachte mir, der Typ ist nicht ganz richtig im Kopf. Kann ja jeder kommen und behaupten, er sei Kinski, der Sohn.

Als er aus der Toilette kam, sah ich, wie fertig er überhaupt war.
»Herr Zinkl, ich muss dringend schlafen. Ich muss mich hinlegen. Ich bin total kaputt. Kann ich mich auf ihre Couch legen? Und sie wecken mich, wenn Pia kommt?«
Was sollte ich sagen, ich bin ja kein unfreundlicher Mensch.
»Ja okay, ruhen Sie sich aus. Ich muss sowieso noch etwas am Computer arbeiten. Mein Arbeitsplatz ist gleich nebenan.«
Ohne ein weiteres Wort legte sich der erschöpfte Mann mitsamt seinem langen Mantel auf meine Ledercouch, drehte sich um und rührte sich nicht mehr. Die Situation war schon ziemlich merkwürdig. Nur gut, dass ich ihn von meinem Arbeitsplatz aus beobachten konnte. Ich wollte nämlich nicht, dass er in der Wohnung herumgeisterte. Als ich ihn googelte, wurde mir klar, dass es wirklich Nicolai war.

Pia meldete sich per Whatsapp. »Komme etwas später, bin noch bei Aldi.«
Ich tippte zurück. »Du hast Besuch. Von Nicolai Kinski. Emoji-Smiley.«
Sie tippte: »Sehr witzig. Bis gleich.«
Wenn aus dem Rheinland stammende Menschen »bis gleich« sagen, dann bedeutet das: bis in zwei Stunden oder später. Das habe ich durch Pia gelernt. Ich fand es zu kompliziert, ihr zu erklären, dass das kein Scherz gewesen war. Und hatte sowieso noch zu arbeiten. Kinski junior schlief ja anscheinend tief und fest, er machte keinen Mucks.

Es wurde schon dunkel draußen und ich war beunruhigt. Wo blieb sie denn? Ein Fremder schlief seit zwei Stunden auf meiner Couch. Ich ging hinaus, um nach dem Sarg zu sehen. Der Deckel war weggeschoben! Nun wurde es mir sehr unheimlich zumute. Ich kenne mich aus mit Horrorfilmen – und ich habe eine gute Fantasie. Verflucht! Irgendwo hinten im Gebüsch raschelte es. Dann sah ich die dunkle, sehr dürre Gestalt mit dem argen Gesicht, so bleich wie weiß geschminkt. Konnte es sein? Der Mann ist seit über 25 Jahren tot! Er näherte sich mir mit wackeligem Gang. Er hatte entsetzlich lange Spinnenfinger mit gelbraunen spitzen Nägeln und diese großen fransigen Ohren. Es war Nosferatu. Genauer gesagt: Kinski-Nosferatu. Ich war vor Schrecken wie gelähmt. Das musste ein Alptraum sein, aber es war keiner. Es war alles echt.

Schon war er da. Mit traurigem Blick sah er mich an und flüsterte mit uralter Stimme: »Wo ist Nicolai?«
Ich: »Ihr Sohn schläft, drinnen in der Wohnung auf der Couch. Seit zwei Stunden bereits!«
Kinski-Nosferatu: »Er hat es nicht leicht mit seinem alten Vater. Er muss ihn durch die Welt ziehen, immerzu.«
Ich: »Sind Sie wirklich Klaus Kinski? Ich bin ein Riesenfan von Ihnen. Ich sehe mir immer wieder ihre Filme an. Fitzcarraldo, Aguirre, vor allem Corbuccis „Leichen pflastern seinen Weg“, mit dieser wunderschönen Morricone-Melodie..., ähm… apropos Pflaster. Ihr Sarg hat den Hinterhof etwas beschädigt.«

Der Blick von Klaus verdüsterte sich und die beiden spitzen Vorderzähne wurden sichtbar. Geringschätzig spuckte er das Wort aus: »Pflaster … Pflaster … was wissen sie von Beschädigungen? Ja, es ist ein Schaden, dass ich keine Filme mehr drehen kann. Ja, es ist vorbei damit. Ich bin ein Wiedergänger geworden, für immer. Man kann mich nicht mehr verpflichten. Wecken Sie Nicolai. Wir müssen jetzt weiter.«

Plötzlich machte er einen wilden riesenhaften Satz, er sprang an mir vorbei, die drei Meter bis zur Couch, landete auf seinem schlafenden Sohn und schlug mit den grausigen Spinnenfingern auf ihn ein, schrie so laut er es mit seiner heiseren, vermoderten Stimme vermochte. »Wach auf, du Hund. Fauler Sack! Nichtsnutz! Wir müssen los. Wir müssen nach Wismar. Hörst du? Nach Wismar müssen wir noch heute!«

Der arme Nicolai wurde von seinem krächzenden Vater aus dem tiefen Schlaf geschüttelt und schließlich unter Schlägen gezwungen, ihn huckepack hinaus auf den Hof zu schleppen. Dort sprang Klaus in den Sarg zurück und der Deckel schloss sich von selbst wie von Zauberhand. Wirklich schauerlich mitanzusehen. Es war nun schon sehr dunkel und Nicolai fasste das Seil. Mit größter Anstrengung und dem üblen Schleifgeräusch zog er den Sarg Richtung Ausgang. Nur einmal drehte er sich noch um, versuchte ein Lächeln:
»Grüßen Sie Pia von mir, es hat nicht sollen sein.«
Dann entschwand der Geplagte mit seinem ruhenden Vater im Sarg. Ich weiß nicht, wie er es schaffen sollte, nach Wismar zu kommen. Es schien unmöglich zu sein.

 

Harants akustischer Beitrag zu diesem Vorfall:

>> Der Unwirsche.mp3

 

Am nächsten Sonntag gibt es für diejenigen, die für Weihnachten noch Geschenke kaufen müssen, den ersten Zinkl-Warentest: IKEA vs. LEGO

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006    WAS IST COOL?

Meine kleine Tochter Linda ist Gymnasiastin. Sie geht in die 8. Klasse und bringt jeden Tag eine Tonne Papier mit in die Schule. Papier ist geduldig und immer noch unverzichtbar. Manchmal hole ich sie von der Schule ab, dann trage ich den supercoolen buntgemusterten Schulranzen mit der Tonne Papier. Da spürt man die Schwerkraft.

Supercool war der buntgemusterte Schulranzen übrigens vor 3 Jahren. Inzwischen ist er kindisch und häßlich, sagt Linda. Ein No-Go! Daher wollte ich ihr zum Geburtstag einen neuen schenken – einen cooleren. Sie sagte, sie habe ein Foto von dem absoluten Top-Schulrucksack (Aufgepasst: Aus dem Ranzen wird nun ein Rucksack!) auf Google gefunden. Er sei komplett einfarbig, hellgrau zum Beispiel, ohne irgendwelche kitschigen Muster oder Aufdrucke. Das sei obercool. Ich war schnell bei der Sache und suchte das Teil bei Amazon. Erstaunlicherweise gab es ihn dort nicht. Ein Produkt, welches man nicht auf Amazon findet, muss was ganz Besonderes sein, wie cool ist das denn?

Nach einer Stunde Recherchieren, Eruieren und blindem Suchen stellte sich heraus, dass dieser Rucksack in Südkorea hergestellt wird und man konnte ihn bestellen: den Lettering Strap Panel Backpack von mixxmix (diejenigen, die genau wissen wollen, wie das Teil aussieht, können das nun selbst googeln).

Es gab dieses edle Produkt in den verschiedensten Farben, jeweils in Uni. Linda wählte hellblau, das sei ziemlich cool. Ich wandte ein, dass Hellblau vielleicht eine Jungsfarbe sei? Aber ich war in Gedanken da vielleicht noch im Babyzeitalter und inzwischen galten andere Gesetze. Hellblau ist cool, basta. Dieser Rucksack kostete 48,90 Dollar und dazu kam noch eine fette Versandgebühr vom anderen Ende der Welt bis nach München. Abgesehen davon klärte ich Linda darüber auf, dass ein live ungesehener und unprobierter Rucksack ein gewisses Risiko darstelle. Und wenn er mal da sei und er gefiele oder passe nicht, dann wäre eine Rücksendung eigentlich unmöglich. Ob das Teil denn für eine Tonne Papier groß genug sei. Sei das überhaupt ein Schulrucksack oder eher gedacht für Mädchenkosmetik?

Meine absurden Einwände prallten von Linda problemlos ab und ich musste bestellen. Nach immerhin schon zwei Wochen war er da. Ein schöner Rucksack. Hellblau, ohne irgendwelche Muster oder Aufdrucke, sogar geräumig. Auch der Firmenaufdruck war sehr dezent angebracht. Ich war selbst entzückt, dass etwas so Schönes möglich war. Die asiatischen Girlies haben halt einfach Geschmack. Warum wird so etwas Cooles nicht in Europa hergestellt? Was ist los mit den europäischen Produktdesignern zum Thema Schulrucksäcke? Sind die im buntgemusterten Grundschulalter stehengeblieben?

Nach einer Woche hatte die Tonne Papier das südkoreanische Wunderwerk zerstört. Wir hatten dem guten Stück etwas zuviel Schwerkraft zugemutet. Lindas Mutter reagierte ziemlich cool und entsorgte den am Boden aufgerissenen Südkoreaner, ohne an eine Reparatur zu denken oder mich zu konsultieren. Ich weinte eine halbe Stunde und war aber dann zufrieden, dass meine ursprünglichen Vorbehalte gegenüber einer solchen Bestellung aus dem fernen Ausland absolut gerechtfertigt gewesen waren.

Nun ist Lindas Mutter mit dem Thema beschäftigt – ich habe meinen Beitrag geleistet. Soll sie mit ihrer Tochter in der ganzen Innenstadt herumirren, um einen coolen neuen Schulrucksack zu bekommen. Es wird nicht einfach sein.

Ich sagte zu Linda, sei doch mal saucool und nimm einen Rollkoffer mit in die Schule. Der hält die Tonne Papier ohne weiteres aus und man trägt daran auch nicht schwer, weil man ihn rollt. Linda entgegnete, das wäre das Allerletzte und das Uncoolste überhaupt, damit würde sie sich zum Gespött der ganzen Schule machen. Ein No-Go! Sie sei doch kein Opfer. „Opfer“ ist der neue Ausdruck für Schüler, die sich nicht behaupten können.

Nun erklärte ich ihr, sie solle halt mal einen Trend setzen. Mit selbstbewusster Haltung den Rollkoffer rollen und sie könne die Tage zählen, an denen andere Schüler dies bald nachmachen würden. So würde aus uncool recht schnell supercool werden. Irgendwann hat auch mal ein Nichtseemann selbstbewusst mit einer Tätowierung angefangen und heute tut das jeder, der cool sein will. So setze man Trends. Mutig was anscheinend Verrücktes und ziemlich Uncooles tun und damit die Weltkultur manipulieren.

Linda hatte viele verschiedene Antworten auf meine Vorschläge zu bieten. »Nein, Papa.«, »Nein!«, »Nein, Papa, ganz sicher nicht.«, »Never«. Ich sagte zu ihr, sie könne auch in der nächsten Französisch-Schulaufgabe mal eine Eins schreiben, nicht nur immer Vierer. Einfach mal was total Unerwartetes tun. »Nein, Papa, eine Eins im Gymnasium ist nicht möglich.« »Dann halt eine Zwei. Einfach mal brutal das Wochenende durchpauken und dann eine Hammernote erzielen. Das wäre doch obercool.«
»Papa, was soll das, das hat doch mit cool nichts zu tun« …

Ich werde nicht aufhören, meine Tochter mit weiteren uncoolen Ratschlägen zu belästigen. Solange sie mich nicht als Opfer bezeichnet, ist alles cool.

 

Hier das brandneue Hörspiel von Harant:

>> Checker-Opfer.mp3

 

Am nächsten Sonntag wird es gruselig. Thema: EIN FACEBOOK-FREUND

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005    SILBERFISCHCHEN VOL.2

Liebe Freunde,

man schreibt über gutes Rasierwasser, man schreibt über Götter und über Barockperücken – und was mögen die Leser? Das Silberfischchen! Deshalb aus gutem Grund eine Fortsetzung des Verkaufshits.

Mein hochgeschätzter Freund Georg T. war darüber so angeregt, dass er weiterforschte und mehr Wissenswertes über diese vergessene Kreatur zu Tage beförderte. Er hat mir seinen Befund über »Lipisma saccarina Linné« zukommen lassen und diesen möchte ich euch hier nicht vorenthalten.

Gleich an erster Stelle verkündet: Das Silberfischchen ist mitnichten ein Schädling! Man könnte es eher als Lästling bezeichnen, in Wahrheit ist es aber ein echter Nützling. Wie das? Es ernährt sich von Kohlehydraten, die es in dunklen und verstaubten Bibliotheken in Bucheinbänden, Buchseiten, im Kleister findet. Aber auch, jetzt kommt’s: von Schimmelpilzen und Hausstaubmilben, den ärgsten Feinden in unseren geliebten Domizilen. Vor allem für Allergiker wird so das Silberfischchen zum dankbarsten und anspruchslosesten Haustier, das man sich nur wünschen kann. Eine echte Alternative zum Goldfisch im Glas oder zum Labradoodle. Darum: Man töte keine Silberfischchen mehr!

So! Nun bringt uns das zu folgenden Überlegungen: Die Gleichzeitigkeit von Lästling und Nützling prädestiniert unseren angenehmen Hausfreund zum Namensgeber eines neuen Begriffes, der ab sofort Einzug in unseren Wortschatz finden müsste: der Silberfischling.

Der Silberfischling bezeichnet einen Gegenstand, ein Lebewesen oder eine Person, bei dem oder der es sich – abhängig von der Betrachtungsweise – gleichermaßen um einen Lästling und einen Nützling handelt. In Bayern kommt dieser Bedeutung eigentlich nur ein einziges Wort nahe (wenn man den Schädling noch dazunehmen dürfte): der Hundling. Ein durchaus unterhaltsamer, gern gesehener Kamerad, der aber nur partiell beliebt ist, weil er eben auch schädelt, ich meine: schadet. Der Hundling, der raffinierte Sauhund, dem die Grenzen zur Legalität herzlich wurscht sind und der gern in fremden Gewässern fischelt.

Womit wir wieder bei den Haustieren wären. Was der Silberfischling jedoch keinesfalls ist und das macht ihn uns überaus sympathisch: ein Günstling, ein Weichling, ein Schönling. Letzteres liegt allerdings wieder im Auge des Betrachters.

Hier nun noch eine kleine fröhliche Episode aus Zinkls Küche:

Es gab eine Zeit, da dachte ich mir, eine ausgewogene Mischung aus Haferflocken, Nüsschen und zerkleinertem Trockenobst aus dem Bioladen, unbesprüht und -befleckt von diversen Schädlingsvernichtungswässerchen, würde sich in meiner Lebensmittelabteilung gut einfügen und eine gesunde Ernährung bieten. Wie das so ist, isst man dann manchmal auch gern ein Marmeladen- oder ein Wurstbrot. Will sagen, die Biomischung gerät im Schrank etwas in Vergessenheit, ist doch aber auch nicht schlimm.

Eines Tages wanderten winzige gelbbraune Würmchen an den Wänden und an der Decke entlang. Nicht viele, hier eines, dort eines. Mit einem kleinen Stück von der Haushaltsrolle ließen sie sich sorgfältig abnehmen, zerdrücken und entsorgen. So war ich die nächsten zwei Wochen nett beschäftigt. Schließlich gesellten sich noch einige kleine braune Falter dazu, sie flogen lustig herum oder rasteten an der Küchendecke. Ich wollte schon ein Chamäleon kaufen, bis meine liebe Freundin Pia Alarm schlug. Das sei eine Invasion, man müsse der Ursache nachgehen, man müsse die Brutstätte ausfindig machen. Ich entgegnete: »Brutstätte, wo soll denn das sein, bitteschön? Die kommen wahrscheinlich aus der Spüle, woher sonst.«

Pia lässt sich nicht gerne mit faulen Argumenten abspeisen und fing an, die Küchenschränke zu öffnen. Ich machte mit. Das Grauen fand dann ich selbst in dem nostalgischen Glasbehälter mit dem Biomüsli. Zu sagen, es lebte etwas darin, wäre leicht untertrieben. In dem Behälter wuselte und kruselte und raschelte und kraschelte es wie in einem wahnsinnig gewordenen Bienenstock. Dass es Ephestia kuehniella (der Mehlmotte) zu eng wurde und sie hinaus wollte, war ihr nicht zu verübeln. Die Natur findet einen Weg (Zitat Jeff Goldblum aus Jurassic Park).

Es dauerte noch Wochen, bis wir die letzten Würmchen und Falter ausmerzen konnten. Die Falter nannten wir liebevoll Zünsler. Was ist das für ein schönes Wort: Zünsler. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Zünsler. ZÜNSLER. Und: Sie waren leicht zu beseitigen. Nicht so wie bei einem Moskito, wo man fast immer danebenschlägt. Nein, ein Zünsler sitzt reaktionslos geduldig an der Wand, bis man ihm sanft das Leben ausdrückt. Hätte die Natur die Zünsler mit einem moskitoähnlichen Reaktionsvermögen ausgestattet, hätte mich der Irrsinn gepackt.

Ich kaufe jetzt kein Müsli mehr. Ungern auch Kellogs. Ich bleibe beim Wurstbrot. Und wenn mir ein Silberfischchen begegnet, nehme ich es auf den Arm, liebkose es und gebe ihm etwas von meinen Hausstaubmilben ab. Oder lege ihm Zünslerbrösel hin.

Hier „Freddie“ Harants akustischer Beitrag zum Thema:

>> Silberfischerl rehabilitiert.mp3

 

Am nächsten Sonntag gibt es den hochinteressanten Blog 006: »WAS IST COOL?«

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004    MODISCHES FÜR MÄNNER (in alten und in neuen Zeiten)

Hi, Freunde des gepflegten Blogs,

weil ich letzten Sonntag Gott in Frage gestellt habe, wäre ich diese Tage beinahe vom Blitz erschlagen worden. Daher gibt es heute nur Fakten, Fakten, Fakten. Wer sich nicht bilden mag, gleich wegklicken.

Ich bin ein großer Freund der klassischen Musik und ein fast noch größerer der peniblen Archivierung derselben. Über die Jahrzehnte hatte sich so viel angesammelt, dass ich eine wirklich große Regalwand brauchte. Und wenn dann etwas Neues dazukam, musste ich alle CDs wieder umschichten, zwecks der chronologischen Ordnung. Um diesen Irrsinn zu beenden, habe ich alles in den Computer hineingeschaufelt. Damit war ich tagtäglich einige Stunden beschäftigt und dies über sechs Monate. Dies zum Thema Irrsinn. Aber dieses Projekt war auch sehr mystisch!

Nämlich sortierte ich alle Komponisten in Dekaden-Kapiteln und fing damit in der Gegenwart an. Dann bewegte ich mich Jahrzehnt um Jahrzehnt in die Vergangenheit. Ich kam ins 19. Jahrhundert, dann ins 18. Jahrhundert, bis in den Barock – es war eine musikalische Zeitreise. Aber nicht nur das! Da jeder Komponist im iTunes-Programm auch eine Abbildung bekommt, fiel mir höchst Interessantes auf – lasset uns nun ein wenig zeitreisen:

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts fand ich Fotos zu meinen Komponisten. Den berühmten Franz Liszt gibt es seit ca. 1880 als beeindruckenden Greis zu sehen, mit schlohweißen, etwas ausgedünnten aber noch immer langen Haaren. Auch in seinen mittleren Jahren posierte er schon stolz vor der Kamera. Aber wie der Franz als herrlicher Jüngling ausgesehen hat, der europaweit als größter Tastenvirtuose gefeiert wurde, das weiß man nur, weil er sich damals in Öl hat malen lassen. Nämlich erfand 1826 ein Herr Niépce die Fotografie und das war für Franz in seiner schönsten Blüte etwas zu spät.

Alle Komponisten, die ein paar Jahrzehnte früher geboren wurden (bespielsweise Ludwig van B., 1770) konnten ausschließlich gemalt oder gezeichnet werden. Ludwig kennt man daher mit seiner natürlichen Haarpracht. Wenn man noch etwas mehr in die Vergangenheit springt, haben sie plötzlich alle weißgepuderte Perücken auf! So der allseits hochgeschätzte Wolfgang Amadeus (geb. 1756). Das war die damalige Herrenmode für den Adel und für Leute, welche mit dem Adel zu tun hatten.

Die gepuderte Perücke war – man höre und staune – seit ca. 1630 im Einsatz. Ludwig XIV., der legendäre Sonnenkönig im Schloss Versailles, trug sie, um seinen armseligen Flusenkopf zu verbergen. Den feinen Herren gingen damals nämlich arg die Haare aus, wegen der allgegenwärtigen Syphillis und deren Behandlung mit Quecksilber. Also musste aufwändiges, teures und kunstvoll gelocktes Ersatzhaar her, oft bis auf Brustlänge gearbeitet! Eine Haarverpflanzung, wie sie sich Sir Elton John angedeihen ließ, war damals ja nicht machbar. In den schwer zu heizenden und zugigen Schlössern sorgte die lange Perücke zusätzlich angenehm für Wärme! So kam sie in Mode und verbreitete sich in ganz Europa und darüber hinaus! Eine sagenhafte Erfolgsgeschichte für den Haarersatz (eine größere sollte viel später die Jeans haben, aber dazu komme ich noch).

Ungefähr 150 Jahre blieb die Perücke unverzichtbar für den Adel. 150 Jahre! Und da sich die Körperhygiene zum größten Teil aufs Pudern und Parfümieren beschränkte, hatte die Krone der Schöpfung wohl mehr oder weniger vermilbte, verlauste und vielleicht sogar verwanzte Haarteile auf dem Kopf getragen! Bestiarium Perücke.

Ich schalte unsere Zeitmaschine wieder langsam in den Vorwärtsgang: Die Perücke wurde mit der Zeit sehr viel kürzer, kam aber noch vor der Französischen Revolution (1789) außer Mode. Bei manchen altmodischen Adligen wurde sie hemmungslos mitgeköpft.

Wir reisen weiter. Im mittleren und späten 19. Jahrhundert hatten die ehrenwerten Herren das Haar dann lieber wuchtig im Gesicht. So gut wie allen meinen Komponisten wuchsen wuchernde Schnauzer und wallende Bärte (darunter Brahms, Dvorák, Rimsky-Korsakov) – und auch Männer anderer Berufsgruppen (Nietzsche, Marx, Röntgen …) fanden das angemessen. Sicher, um die Knutschflecken am Hals zu verbergen. Dies wird man nie erfahren; wahrscheinlich waren die Damen aber auch nicht allzu animiert von dem dichten Gestrüpp, durch welches sie sich zu kämpfen hätten.

Wir spazieren ins 20. Jahrhundert hinein, der Vollbart war passé, die Stolzen und Ehrenhaften (gerne die Preußen!) trugen weiter den obligatorischen Schnauzer (Hindenburg, Wilhelm II., Mackensen). Die Nazis schließlich setzten auf die Glattrasur (äußerlich gepflegt, innerlich verrottet), nur der Obernazi behielt sich ein kastriertes Teil, diesen scheußlichen Rotzfänger. So scheußlich wie der ganze Mensch.

Wie ging es nach dem 2. Weltkrieg weiter? Übers Haar will ich nicht mehr reden, das langweilt mich jetzt, aber nun begann (wie zuvor groß angekündigt) die Erfolgsstory der Jeans!

Zuerst war das eine möglichst robuste Beinbekleidung für die auf dem harten Erdboden herumwetzenden Goldsucher in Amerika (dank dem raffinierten Herrn Levi Strauss). Erst um 1950 wurde die Hose interessant für die Jugend, weil James D. und Marlon B. damit posierten (und nicht im Dreck wühlten). In den 70er Jahren bekam die Jeans unten eine bunte Flowerpowerborte und das trugen dann auch die Mädels. Der 11-jährige Zinkl lief noch eine Woche nach der Faschingszeit in seiner Blue Jeans-Cowboyhose mit aufgeklebten giftgrünen Plastikfransen herum, kassierte dafür aber nur die mitleidigen Blicke seiner Fußballvereinskameraden. Wir lernen: Uncoole Typen schaffen keine Trends!

Heutzutage hat fast jeder Mensch eine oder mehrer dieser Sorte Beinkleid und das ist durchaus vernünftig. So nützlich am Bein wie damals die Perücke auf dem Bimbus.

Allerdings ist es nicht lange her, da transformierte sich die Jeans vom robusten Nutzobjekt zum merkwürdigen Objekt. Manch pubertärer Zeitgenosse ließ sie den halben Hintern runterhängen, als hätte er Schwerwiegendes hineingedrückt. Inzwischen hat der „Used“-Wahn seinen orgiastischen Höhepunkt erreicht. Weil nicht mehr nach Gold gesucht wird, wird die Jeans bereits in durchlöchertem, aufgeschlitztem und wieder halbherzig zusammengeflicktem Zustand erworben. Wer im Besitz von sexy Kniescheiben ist, kann damit punkten. Vor zwanzig Jahren wurde ich von meiner Mutter getadelt, da meine alte Jeans irgendwo ein zufällig entstandenen Loch hatte. Ha!

Und was ist mit der guten alten verlausten Perücke? Sie kommt leider nicht wieder! Als armseliges Revival könnte man die lässige Wollmütze betrachten, die viele tolle Burschen auch im Hochsommer tragen. Und das, obwohl die wenigsten unter Syphilis mit Quecksilberbehandlung leiden und auch nicht in zugigen Schlössern wohnen.

Wann kommt die dreibeinige Hose? Wann das wallende Segelcape, welches man oben an den Ohren und unten an den Knöcheln festtackert? Funktion goodbye, welcome Narretei!

Dazu das obligatorische Mini-Hörspiel vom Harant, dem Meister der Tonkunst:

>> Le Pou.mp3

 

So, nächsten Sonntag gibt es den Zinklblog Nr. 5.
Thema (wegen großer Nachfrage): SILBERFISCHCHEN VOL.2

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003    WAS WAR ZUERST DA?

Warnung! Im folgenden Text wird blasphemisches Gedankengut verbreitet.

Es gibt diese etwas aus der Zeit gefallene Spaßfrage: »Was war zuerst da? Die Henne oder das Ei?« Ich stelle jetzt mal die Frage: »Der Urmensch oder Gott?« Wenn man Gott mit dem Ei gleichsetzt, könnte man schlussfolgern, dass der Urmensch Gott gelegt hat. Oder aber der Urmensch ist aus Gott geschlüpft. Das können wohl nur gottgläubige Menschen mit Gewissheit beantworten.

Allerdings hat man vom Urmenschen diverse Schädelteile gefunden. Kürzlich in Äthiopien ein Stück Kieferknochen, welches 2,8 Millionen Jahre alt ist! Von Gott hat man erst einige Zeit später gehört. Ich weiß nicht wann zum ersten Mal, man könnte es googeln. Aber ob Google genaue göttliche Informationen darüber hat?

Angenommen, vor 200.000 Jahren hat mal wieder ein Blitz in einen Baum eingeschlagen und der Urmensch Adam hat aus seiner sicheren Höhle nicht nur blöde grunzend zugeschaut. So wie sonst immer. Nein, er hat mit seinen begrenzten Möglichkeiten darüber sinniert! Sehr sehr lange sinniert – bis er draufgekommen ist: Der Blitz hat das mit Absicht gemacht. Der Sauhund. Der hat den Baum zerfetzt, weil er es konnte. Hat ihm Spaß gemacht. Oder es war eine Warnung: »Warte nur, Urmensch Adam, nächstes Mal trifft es dich alten Grunzer.« Diese Idee hat dem Adam das Gruseln gelehrt. Das war sein erster gedanklicher Horrorfilm. In den nächsten Wochen kam der Adam so richtig in Schwung und hat dem Blitz ein Hirschfell hingelegt. So ein schönes Stück Hirschfell ist ein großes Opfer, aber gut, der Blitzgott soll es kriegen, damit er Adam nichts tut.

In diesem Falle kann man also behaupten: Der Urmensch Adam hat Gott entdeckt. Oder noch gewagter: Er hat ihn sich erfunden, damit er nicht nur immer ans Fressen oder mit Urfrau Eva ans F… denken muss. Sondern damit er auch was hat, was ihn schön gruselt (außer den Bären, Wölfen und Löwen, die kennt er ja schon ziemlich genau). Und wenn man sich sowas ausdenken kann, dann sind es nur noch schlappe 160.000 Jahre bis zur ersten Höhlenmalerei. Tolle Sache! Man sieht: Blitzgott hat dem Urmenschen Adam gutgetan.

Na ja. Bis ein anderer Urmensch, der Günther, daherkam und gegrunzt hat, es gibt nur einen Gott, nämlich SEINEN Donnergott. Adam hat daraufhin einen argen Wutanfall bekommen und Günther musste ihn erschlagen. Donner schlägt Blitz, wie Günther damit beweisen konnte. Natürlich wollte Günther nur Adams Höhle und die Eva für sich haben. Aber Götter waren von da an ein super Vorwand, den anderen umzubringen. Immer gut, einen zu haben, der das befürwortet. Donnergott fand das jedenfalls in Ordnung.

Viel viel später haben sich die alten Ägypter und Griechen und Römer aus der Antike gleich mehrere Götter ausgedacht, die zu ihnen halten. Für jeden Zweck einen. Damit ist man logischerweise im grünen Bereich, wenn man mal wieder in den Krieg zieht. Die Hindus waren auch superkreativ und haben die Kuh und die Ratte aufs göttliche Podest gehoben. Ja warum denn nicht? Jedem Tierchen sein Pläsierchen. Ich habe den Elefantengott Ganesha. Der steht bei mir auf dem Fensterbrett und schimpft mich, wenn ich »Zefix« fluche. »Du sollst keine anderen Götter neben mir haben!«

Vieles hat sich seitdem auf der Welt verändert. Aber dieses uralte Prinzip ist immer noch da und wird Tag für Tag praktiziert. An vielen Orten. Und wenn man den Leuten sagen würde: »Hört zu, steht zu euren üblen Grabenkämpfen und zu eurer Niedertracht und lasst die Götter außen vor, die haben nichts mit eurer Scheiße zu tun.« Das wäre in den Wind geblasen, denn einer muss ja die Verantwortung übernehmen. Deswegen ist ein Gott eine saugute Idee. Ein tröstender Gott sowieso, wenn was ziemlich schief läuft.

Schließlich und endlich ist man auf den Gott der Liebe gekommen. Das hat man wohl dem freundlichen Prediger aus Nazareth zu verdanken. Und den evangelistischen Schriftstellern, die aus dem überlieferten Rohmaterial ein beeindruckendes Epos verfasst haben. Gut getan! Vom Gott der Liebe haben ja eigentlich alle was.

Aber: »Der liebe Gott« ist eine solch monumentale und mächtige Idee, dass sie auch ein begrenzt verständiger Mann wie der aktuelle amerikanische Präsident in seinem Gehirn herumtragen kann. Und sie nach Gutdünken modifiziert und zum Einsatz bringt, denn er weiß ja: Der liebe Gott ist auf seiner Seite.

Natürlich ist das alles nur dunkelgraue Theorie und der ratlose Atheist betet: »Bitte, Gott der Liebe, pass auf uns ALLE gut auf!«

Dazu auch wieder ein kleines Hörspiel vom Herrn Harant:

>> Gott spricht.mp3

 

Nächsten Sonntagabend gibt es MODISCHES FÜR MÄNNER (in alter und in neuer Zeit)!

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002    DAS SILBERFISCHCHEN

Neulich tummelte sich in meinem Spülbecken ein Silberfischchen. Ein einzelnes dieser wohlbekannten Wesen. Sofort kroch kalte Endzeitstimmung in mir hoch. Wo eines war, da waren sicher noch andere. Wollten Sie neue Jagdgründe in Besitz nehmen? Hier, in meiner Wohnung? So nicht, mein Freund, dachte ich. Und tat etwas sehr Grausames. Ich stellte den Wasserhahn auf heißest und schwemmte das verbrühende Tier den Ausguss hinunter.

Nun tut es mir leid. Kaltes Wasser hätte es auch getan. Dieses harmlose, genügsame Geschöpf ist doch auch ein Kind Gottes und braucht seinen bescheidenen Platz auf dieser Welt. Merkwürdigerweise ist das Silberfischchen bei den Menschen nicht beliebt. Dabei ist es grazil, silbrig silbern und wunderbar stromlinienförmig – und ziemlich harmlos im Vergleich zu blutnehmenden Moskitos.

Die Spinne ist ja seit geraumer Zeit bekannt als nützliches Tier und wird geachtet und akzeptiert, wenn sie ihre Fäden durch die Wohnung spinnt. Weil sie Ungeziefer fängt und vertilgt. Vor dem Silberfischchen ekelt man sich doch deutlich weniger als vor einer fetten Spinne. Aber wohl auch dadurch, das es blitzartig hin- und hersausen kann, ist es uns nicht geheuer. Im ersten Augenblick ist es hier, dann plötzlich dort, man verliert es schnell aus den Augen. Man kann es nicht erwischen, außer mit einem wahlweise kalten oder heißen Wasserstrahl oder einem Flammenwerfer.

Was sagt der gute alte Brehm zu diesem Wesen? In dem 640-seitigen Buch »Das neue Tierreich nach Brehm«, Ausgabe 1968 im Bertelsmann Verlag, welches ich als Kind komplett durchgelesen habe (ich war ein etwas anderes Kind) steht es unter: Thysanura – Borstenschwänze. »Das Silberfischchen (Lipisma saccarina Linné) war früher ein nicht seltener Gast besonders der Speisekammern. Auch unter feuchten Tapeten machte es sich zu schaffen, um die Reste des Stärkekleisters zu verzehren, usw.«

Da haben wir es schon! In Zeiten, in denen immer weniger tapeziert wird, können sich diese Geschöpfe nicht mehr nahrhaft versorgen. Nun versuchen sie ihr Glück in Zinkls Spüle.

Ich persönlich habe ein besonderes Verhältnis zu diesen Tieren und darf dazu aus meiner Kindheit erzählen. Wir hatten in den 60er Jahren einen überschaubaren Raum für die Badewanne, das Waschbecken und das Klosett. Der Boden bestand aus einem matten Mosaik mit quadratischen Steinchen, ca. 25 x 25 mm. Die meisten Steinchen waren weiß, zur optischen Auflockerung gab es dazwischen viele Steinchen in allen Farben. Auch dunkle Steinchen. Dieser Boden war kalt und ein Tummelplatz für eine vielköpfige Silberfischchensippe. Sie flitzten hin und her – auf weißen Steinchen sah man sie, auf den dunkelfarbigen Steinchen wurden sie unsichtbar. Das war irritierend und unangenehm, denn man hatte die schnellen Kollegen dann nicht mehr unter Sichtkontrolle.

In dieses Bad ging ich als Kind nicht gern barfuß hinein. Aber beim Toilettengang so kurz vor dem Zubettgehen war man halt barfüßig. Ich wurde in diesem Badezimmer zum Artisten. Vorsichtig eintretend kletterte ich sogleich auf den Badwannenrand, stützte mich am Waschbecken ab, hangelte mich vor zum Klo. In der Wanne waren die kleinen Teufel auch unterwegs. Es war nicht leicht, auszuweichen. Schließlich saß ich mit hochgezogenen Füßen auf der Kloschüssel und meine Augen wanderten suchend über den Mosaikboden. Wenn ich keine mehr sah, hüpfte ich schnell auf Zehenspitzen wieder hinaus aus dem annektierten Raum.

Es ist also kein Wunder, dass ich mein aktuelles Silberfischchen verbrühen musste. Der Schrecken steckt halt noch in meinem Unterbewusstsein. Und was man als Kind erlebt hat, damit lebt man ein Leben lang.

Zum Abschluss: Mein guter Freund Erich Harant hat mir zu diesem Thema ein selbst produziertes, ausuferndes Hörspiel geschickt, welches ich euch hier nicht vorenthalten möchte:

>> Silberfischerl.mp3

 

Herzliche Grüße, eine gute Zeit und bis in sieben Tagen zum nächsten Zinkl-Blog!
Thema: WAS WAR ZUERST DA?

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001    INTRODUKTION

Pünktlich zum Allerheiligen-Fest anno 2017 erlaube ich mir den Zinklblog ins Leben zu rufen. Dass er unter dem Dach der Zinklmusic-Website erscheint, hat zwar rein organisatorische Gründe. Aber da in Zinkls Leben (also meinem) Musik eine ganz besondere Rolle spielt, ist das gar nicht so verkehrt.

Da fragt sich der geneigte Leser (den es bislang ja noch kaum gibt): Was soll der Quatsch? Es bloggt ja schon die halbe Welt und junge dynamische Menschen wie Bibi (nicht Bibi Blocksberg!) gibt es auch zuhauf, die sich auf youTube prominentieren, um Beautyprodukte zu testen.

Da könnte ich höchstens mein Rasierwasser zeigen, welches ich seit gefühlten 80 Jahren in Verwendung habe. Und welches es, man darf entsetzt sein, weder beim Rossmann noch beim DM zu erwerben gibt! Es ist schwer, ranzukommen an dieses Rasierwasser. Ja nun, in Zeiten, in denen es das größte Kaufhaus der Welt gibt (ich muss es nicht nennen), kann man es inzwischen bestellen. Neulich war ich allerdings richtig elektrisiert, als ich dieses gute Produkt live im Markt Schwabener Kaufland gesehen habe. Ein Lob an Kaufland in Markt Schwaben. Die wissen echt Bescheid.

Ist es verkehrt, dieses Rasierwasser zu benennen? Ja warum denn nicht? Die grüne eckige Flasche steckt in einer grünen Schachtel und wird von Wilkinson hergestellt. Es steht CLASSIC drauf, was einem ja schon mal ein gutes Gefühl gibt. Nämlich das Gefühl, nicht jedem Trend hinterher zu laufen.

Das Wilkinson-Rasierwasser brennt nach dem Rasieren die aufgeschabten Poren wieder unerbittlich zu. Das ist ein mächtiges Gefühl. Drei Sekunden brennt es intensiv, dann schließen sich die Poren und alles ist gut. Man fühlt sich so frisch wie der Morgentau. Speziell meine Haut ruft danach »Nivea!«, aber das ist ein anderes Beauty-Kapitel (demnächst in diesem Theater).

Ihr habt es hier übrigens nicht mit einem von Wilkinson gesponserter Artikel zu tun (schön wär’s ja). Aber es ist nun mal so: Solcher Firlefanz wie nicht brennbare Flüssigkeiten auf der frisch rasierten Haut sind für mich völlig non grata. Es gibt vielleicht andere Rasierwasser, die auch brennen; das durchzuprobieren überfordert bloß meine zeitliche Kapazität.

Auch interessant: Das Classic-Aftershave von Wilkinson ist sogar preiswert! Danke, danke, Wilkinson! Ich bete darum, dass die Produktion erst in ca. 40 Jahren eingestellt wird. Da bin ich dann 97 und brauche es vielleicht schon nicht mehr. Ich sollte mir jetzt bereits vorbeugend 5.000 Schachteln kaufen, um gewappnet zu sein, wenn irgendein trendiger Manager sagt: »Weg mit diesem altmodischen Rasierwasser! Das nimmt doch keiner mehr her!«

Doch fehlt mir der Platz für 5.000 Schachteln Wilkinson Aftershave, auch wenn ich wohl Rabatt bekommen könnte (Kennt noch jemand die Geschichte von Loriot, wo er Tausende von Radiergummis kauft, weil sie dann günstiger sind?).

So, das war nun mein erster Beauty-Tipp und vermutlich mein vorletzter (siehe Absatz 4: Niveacreme).

In einer Woche widme ich mich aber erstmal dem wichtigen Thema »Silberfischchen in der Spüle und im Badezimmer«.

Ganz herzlich, Euer Zinkl

 

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